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Der Doppelgänger
Stationen der Trauer

http.//doppelgaenger.wolfgangwallnerf.com

Zu den Musikaufnahmen hier klicken

Der Doppelgänger
Stationen der Trauer
Eine Kantate in neun Stationen
Eine Möglichkeit der menschlichen Entwicklung
Links zu den Liveaufnahmen bei der Uraufführung
Hollabrunn, Erzbischöfliches Gymnasium
am 22.April 2018
Besetzung:

Sänger-Ensemble:

Sopran:  Maja Tumpej, Angela Wandraschek, Iris Nitzl, Karin Hofer

Alt : Barbara Ramser, Rotraud Gehringer, Jovana Rogulja, Yuki Takei

Tenor: Matthias Binder, Simon Gergö, Clemens Sulz, Ojars Lazdins

Bass: Andreas Egger, Johannes Selinger, Martin Guthauer, Akos Banlaky

Flöte: Sonja Ebhart

Violine: Marlis Guthauer

Klavier: Tomasz Piêtak

Sprecher: Robert Kellner

Gesamtleitung: Gerhard Sulz

Der gesamte Text soll nicht nur der Trauer um den Verstorbenen und seinem Andenken gerecht werden, sondern bietet - vor allem in Anspielung auf christliche Überlieferungen, aber auch auf tiefverwurzelte, volkstümliche Mythen - Möglichkeiten, durch den Weg der Trauer zu reifen.


Unten zum YouTube-Video der gesamten Aufnahme inklusive der Texte klicken

 

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Zum 1. Lied „Tor des Todes“
Die „Reise“ des hinterbliebenen Menschen beginnt durch das Tor des Todes, wie das erste Lied
heißt. Das bedeutet, er lässt sich auf die Trauer ein, wo er durch hochgeistige und inhaltsschwere, aber manchmal zu Gemeinplätzen gewordene Sinnsprüche vorerst versucht, die Trauer zu verdrängen. Auch taucht die Frage nach dem Sinn des Lebens und des Todes auf.

In diesem Lied wurden Motive von Dante Alighieri, Angelus Silesius und Novalis eingearbeitet.


1.Tor des Todes

(unter Verwendung von Motiven von Dante Alighieri, Angelus Silesius und Novalis)

 

Durch mich gehst du hinein zur Stadt der Trauer,

durch mich gehst du hinein zum ew’gen Schmerz,

durch mich gehst du zu dem verlor’nen Volke,

durch mich!
 

Wandrer bin ich in diesem Tal,

Leben überall! Geist trägt den Leib,

Leib ihn wieder!

Geht eins ab, fallen beide nieder!

 

Komm mein Kindlein,

deine Stunden,

die sind gezählet,

vom ew’gen Rate!

 

Zögern im Herzen,

Wandern mit dem Fuß.

 

Hätt’ des Lichtes Kraft verspielt,

wenn ich den Schatten hielt!
 

Dich muss dieses Wesen trösten:

Innig liebte, litt und starb.

Das für den, der ihm am wehsten

tat, mit tausend Freuden starb!

 

Was ich höre oder find’,

meine Seele fester bind’t!

Flieht die Zeit ganz unverseh’n,

fern dem Schmerz, fern den Wehen!

Flieht die Zeit ganz unverseh’n,

(Bin dir so nahe!)

fern dem Schmerze, fern dem Weh!

(Nahe, nah!)

Schau in einem Wirbel wild,

(Hör!)

ich seh’ des Schicksals grausam Bild.

Seh’ ahnungsvoll die Frage drin,

nach dieses Rätsels Sinn!

Dich muss dieses Wesen trösten:

Innig liebte, litt und starb.

Das für den, der ihm am wehsten tat, 
mit tausend Freuden starb!
 

Zum 2. Lied „Tag der Erinnerung, Tag des Zornes, Tag der Tränen“

Im zweiten Lied „Tag der Erinnerung, Tag des Zornes, Tag der Tränen“ - so genannt in Anlehnung an „Dies Irae“ - ändert sich das Verhalten von der Erinnerung  zum Zorn über den Tod, zum Flehen zu Gott, zum Annehmen des Schmerzes, bis die „letzte Träne“ vergossen ist. Es stellt auch eine inhaltliche Anlehnung an die „Winterreise“ von Franz Schubert dar.

2. Tag der Erinnerung - Tag des Zornes - Tag der Tränen

 

Trug dein Bild in mir tief,

sah es, wenn ich wach und schlief.

Ungetrübt, schleierlos,

sollst du in mir leben!

 

Sanfter Wind, der Nebelbilder

störet, gibt den neuen Sinn!

 

Keine Zeit ändert mir

meine Lieb’, mein Bild von dir!

Bis wir uns wiedersehn,

zu dir will ich gehen!

 

Jetzt schon treibt die Wut sich Bahnen

(Hör’ mich, Gott!)

drängt ans Licht aus dunklem Grunde.

’S ist der Tod, der dich tut mahnen,

Salz streut dir in deine Wunde!

Zorn dem Schicksal, Fluch dem Tode!

Sinnlos scheint der Lauf des Lebens!

Faul’n die Knochen in der Grube:

’S ist dein Schicksal auch!

 

Tod, dein Stachel, ungesehen,

(Hör’ mich, Gott!)

wahllos trennt er Menschenherzen!

(Hör’ mein Rufen!)

Will zu Gottes Urgrund gehen,

zu beklagen Menschenschmerzen.

Vor ihm kniend, meine Hände

Gnad’ erflehen für mich, Armen.

Deine Macht mög’ er beenden,

 

Gott wird geben sein Erbarmen!

Tod! Fluch!

Kämpfst hier doch, oh Mensch, vergebens!

(Gott!)

Schmerz, oh schweige mir!

Wollt mit dir mein Leben sein!

(Liebe!)

Tränenlos sterben am Grenzesstein!

 

Kalt und leer, vom Eis gefangen,

Wind verweht das letzte Licht.

Weit entfernt vom letzten Bangen,

wenn mir grad das Herz gebricht.

 

Flieht aus meinem Herz.

Niemand merkt den Schmerz.

 

Kalt und leer, vom Eis gefangen,

Wind verweht das letzte Licht.

Weit entfernt vom letzten Bangen,

wenn mir grad das Herz gebricht.

 

Flieht aus meinem Herz.

Niemand merkt den Schmerz.

 

Zum 3. und 4. Lied „Totentanz“ und „Namenlos“

Im dritten Lied, dem Totentanz, gibt sich der Trauernde der sinnlichen Begegnung mit dem Tod hin, folgt aber dieser Versuchung nicht.
Worauf er im vierten Lied, dem Lied „Namenlos“, die aussichtslose Ewigkeit als Schicksal durchwandern muss.

3. Totentanz

 

Zart weht der Wind,

die Sonne versinkt!

Getan ist, was meine Kraft

vermag!

Im Land,

am Wegesrand,

erträumt Vöglein neuen Tag.

Erträumet Vöglein neuen Tag!

 

Will mir weben von Blumen den Kranz,

soll mich schmücken zum Totentanz!

Will liebkosen, was einst geliebt,

ew’ge Treue, die’s Leben nicht gibt.

 

Komm, gib mir deine Hand, komm ins Seelenland,

komm ins Seelenland,

komm ins Seelen . . .

Zart weht der Wind,

die Nacht beginnt.

Der Kranz, den ich trag,

Blumen sind’s fürs frische Grab.

Umhüll mich sanft in diesem Leid,

oh, gnadenvolle Dunkelheit!

Komm, gib mir deine Hand,

komm ins Seelenland,

komm ins Seelenland,

komm ins Seelen . . .
- - -

4. Namenlos

 

Leere und Stille, trock’nes Land,

Steine und Staub, nur tote Erde.

Tag und Nacht, Jahr für Jahr kein „Stirb und Werde!“

Fließt selbst im Stundenglas nicht mehr der Sand.

 

Zu Ende ist das Lebensband,

vorbestimmt war deine Schuld

durch Dreier Werk: Urd, Werdandi, Skuld,

Nornen auch genannt!

 

Unabsehbar weit

ruhlos weitergehen, weitergeh’n
 

Zum 5. Lied „Genesis“

Im fünften Lied „Genesis“ erfolgt eine bisher unerwartete Wandlung: Gott scheidet Abend und Morgen, der erste Tag der Schöpfung ist angebrochen. Der bisher hoffnungslose und unbewusste Mensch kann auf den Erfahrungen seines bisherigen Lebens und seiner „Trauerarbeit“ aufbauend ein „neues Leben“ beginnen.
Dafür dankt er Gott, stellt aber auch fest, dass auch Bande der Liebe Fesseln darstellen. Um ein gottgewolltes Abbild Gottes zu sein, bedarf es des freien, ungebundenen Geistes. Zur Freiheit des Menschen ist die Neuorientierung aber auch die Bewusstheit unabdingbar.

5. Genesis
 

Sanctus, Dominus Deus,

Sanctus, Dominus Deus,

Sanctus, Dominus Deus,

Sanctus, Sanctus.

 

Gott sprach: „Es werde Licht!“

Und es wurde Licht.

Es wurde Abend, wurd’ Morgen:

Erster Tag!

 

Tod gab Leben!

Inhaltslos vergang’nes Leben

kann dir nun den Boden geben.

Neues Denken, neues Licht!

Amen!

Amen!

Amen!

Singt zu Gott, dem Herrn:

Sanctus, Dominus Deus,

Sanctus, Dominus Deus,

Sanctus, Dominus Deus,

Sanctus, Sanctus.

 

Vöglein den Himmel nicht findet,

wenn liebend’ Hand ihn behindert!

Nun freien Geistes werd’ ich ein

Abbild Gottes sein!

Sanctus, Dominus Deus . . .

Sanctus, Sanctus.

Amen!
 

Zum 6. Lied „Gebet“
Im sechsten Lied, „Gebet“, wird der Neugeborene versucht, sich der Erinnerung preiszugeben und alte Bahnen einzuschlagen, aber letztendlich von einer imperativen Stimme ermahnt: „Mensch, beginn dein Werk und tu, was Gott dir bestimmt hat“. Diese Stimme ist die Antwort auf das Gebet „Vater unser“, das zeitgleich mit dem neuen Text des Liedes gesungen wird. Nach den Worten „Führe uns nicht in Versuchung“ erklingt im neuen Text die Stimme Gottes oder der eigenen Seele mit einem Zitat Silesius‘, die dem Menschen befiehlt: „Gehe hin und werde“.6.

6.Gebet

 

Wird enden jede Müh’ und Hast,

wenn du das Leben lasst!

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde Dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

 

Denn Dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit

in Ewigkeit.

Amen.

 

Mensch, beginn dein Werk!

 

Und tu, was dir Gott gab zu tun,

geh’ deines Weges nun!

Nun geh’ hin und werde!
 

Zum 7. Lied „Der Wille (Mantra)“

Der Weg zum „Sein“ erweist sich im siebenten Lied „Der Wille (Mantra)“ als ungemein mühselig, der Wille aber wird siegen. Hier wurde das Lied „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“ von Michael Franck (1609-1667) eingearbeitet. Das Lied mit der bekannten Melodie findet sich in den katholischen und evangelischen Kirchengesangsbüchern.

7. Der Wille (Mantra)

(unter Einbeziehung des Liedes „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“, Michael Franck, 1652)

 

Stein nach Stein, Stufe nach Stufe,

wag’ mich hinan und folge dem Rufe.

 

Ach wie flüchtig, ach wie nichtig

ist der Menschen Leben!

Wie ein Nebel bald entstehet

und auch wieder bald vergehet,

so ist unser Leben,

sehet.

Wag’ mich hinan und folge dem Rufe!
 

Zum 8. Lied „Wieder daheim“

Im achten Lied „Wieder daheim“ findet der Mensch einen Weg zurück ins Paradies , und zwar vom Westen über das sich dort befindende Totenreich.
Er leitet wie Parzival nicht mehr das Pferd, sondern lässt die Zügel fallen.
Scheinbar ist der „Gralsmythos“ noch immer lebendig, vielleicht weil die „Angelegenheit“ noch unvollendet ist.
Man könnte das aus dem Erfolg vieler Filme, der „Trivialliteratur“, aber auch aus den unzähligen mystischen Computerspielen schließen.
Der Heimkehrer wird aber nicht mehr von C.G. Jungs „Unbewusstem“ geführt, sondern erkennt nun klar und bewusst wie einst Faust den ursprünglich „dunklen Drang“, also das Unbewusste, als Lebensquell der Seele.
Manchmal fällt er noch in alte Denkweisen, doch er folgt der Seele.
So wird das Schicksal aus den Sternenbildern zwar erfüllt, jedoch jetzt aber durch den nunmehr bewussten Willen des Menschen, der sich als Prisma Gottes, des Sonnenstrahls, empfindet und Gott daher ungetrübt - wenn vielleicht auch zergliedert - weitergibt und so auch erkennt.
Das ist des Menschen Aufgabe seit Anbeginn, daher also der „Menschheit Sehnen“.

8. Wieder daheim

Bist der König, den du
selbst heilen sollst!

Sah Welt vergehen,

Welten entstehen.

Werde, Sein und War

zugleich geschah!

 

So führte mein Weg durch das Totenland

nach Osten zum Garten,

wo der Engel nicht stand.
 

Als den Zaum er fallen ließ, hoffnungslos einst Parcival,

fand das Tier den Weg zum Gral.

 

Was mich einst trieb mit dunklem Drang,

der Seele frischen Quell ich als Herzenswunsch fand.

 

Manchmal blickt der Doppelgänger

über meine Schulter mir noch!

Angst macht mir sein Blick nicht länger,

Seele führt mich doch!

 

Fühl das Leben, trank vom Quell,

Sternenbilder scheinen hell,

und ihr Sehnen

soll gescheh’n!

 

Bin ihr Prisma, brech’ das Licht,

trübe doch die Sonne nicht!

Menschheit Sehnen

soll gescheh’n!
 

Zum 9. Lied „Frühlingstanz“
 

Zuletzt findet der Mensch im „Frühlingstanz“, dem neunten Lied, wieder zu einem glücklichen, liebevollen, aber auch sinnlichen Leben, das aber nunmehr durch die klare Erkenntnis der Aufgabe, die die Seele stellte, erfüllt sein wird.  So wird der Überlebende frei, aber es könnte sein, dass eine solche Entwicklung auch dem Verstorbenen die Möglichkeit gibt, keine „Schuld“ an der Trauer der Hinterbliebenen mehr zu „empfinden“, um endlich „ins Licht“ gehen zu können.

Der größte Liebesdienst, den der Mensch einem anderen Menschen schenken kann  - so meinte Bruno Bettelheim sinngemäß - ist, sich selbst weiter zu entwickeln.

9. Frühlingstanz

 

Ich folg’ dem Lachen der Kinder,

nach diesem langen Winter.

 

Hör’ schon die frohe Weise,

entfernt noch und leise.

 

Komm her zu mir,

heut tanzen wir,

uns in die Augen sehen!

 

Ich sehne mich

und liebe dich.

Hab’ lang dich nicht gesehen!

 

Du kennst mich doch?

Ich kenn dich noch!

Lass uns gemeinsam schweben!

 

Du liebst mich doch,

ich lieb dich noch,

tanz mit dir, meinem Leben!

Nur was die Seele wirklich liebt,

dir auch im Tod noch blieb!

 

Was wirklich lieb’ ich in der Zeit,

bei mir bleibt in der Ewigkeit!

 

Komm her zu mir,

heut tanzen wir,

uns in die Augen sehen!

 

Ich sehne mich

und liebe dich.

Hab’ lang dich nicht gesehen!

 

Du kennst mich doch?

Ich kenn dich noch!

Lass uns gemeinsam sein!

Liebe bleibt uns!

 

Du liebst mich doch,

ich lieb dich noch,

mein Leben!

 

Hör noch die frohe Weise!

Komm, tanz mit mir!
 

 

Hier die Musikdateien